Document: Uncle Sam und die CS-Filiale am Zürcher Flughafen

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Zum ersten Mal zeigt ein Dokument, wie tief die Credit Suisse ins Geschäft mit US-Kunden verstrickt war.

Die Untersuchung der Sonderkommission des Senats zeigt zum ersten Mal, wie tief die Credit Suisse ins Geschäft mit US-Kunden verstrickt war. Und wie hartnäckig sie sich gegen die Aufdeckung von Kundennamen wehrt. Der demokratische Senator Carl Levin erklärte, die Bank habe ein sehr weitreichendes Amerikageschäft betrieben, ohne dies je vollständig aufgedeckt zu haben.

Die überwiegende Mehrheit der US-Konten wurde gemäss dem Bericht gegenüber der Steuerbehörde nie deklariert. Schlimmer noch: Obwohl die Credit Suisse zeitweise bis zu 22'000 US-Kunden mit einem Vermögen von 12 Milliarden Franken betreute, lieferte sie den amerikanischen Behörden bislang erst die Namen von 238 Steuerflüchtigen aus. Diese Bilanz sei schlechter als jene der UBS, so die Kritik der Senatoren. Von der UBS hätten die Justizbehörden 4450 Namen ihrer rund 50'000 US-Kunden bekommen. Dies wiederum befeuerte die Amnestieprogramme für reuige Steuersünder. Bislang zeigten sich 43'000 Bankkunden selber an und lieferten 6 Milliarden Dollar an Bussen und Nachsteuern ab.

1800 schwarze Schafe?

Wie erfinderisch die Credit Suisse vorging, erläutert die Untersuchungskommission an mehreren Beispielen. Zwischen 2006 und 2009 etwa betrieb die Bank im Flughafen Zürich eine den Steuerflüchtigen offen stehende Filiale. Sie hatte den Codenamen SIOA5 und betreute 9400 US-Kunden mit einem Vermögen von 1,1 Milliarden. Diese Aussenstelle habe den Kunden erspart, in die Stadt zu reisen und dort in einem Hotel eine Papierspur zu hinterlassen.

Heikle Dokumente zu den Konten konnten am Flughafen übergeben werden, ohne dass die Kundenberater in die USA hätten reisen müssen. Die Credit Suisse betrieb das US-Geschäft zunächst in acht Abteilungen, bevor Sondereinheiten gebildet wurden. Die Tatsache, dass mehr als 1800 Berater auf die US-Kunden angesetzt wurden, widerspricht der Behauptung, wonach die Steuerflucht lediglich durch einige wenige schwarze Schafe in der Bank begünstigt wurde.

Auch griffen die Berater zu Vertuschungsaktionen. So wurden Kontoauszüge bei der Übergabe an Kunden in Ausgaben des Wochenmagazins «Sports Illustrated» versteckt. Bankkunden sagten der Kommission, dass sie ihre Berater nur über einen per Fernbedienung gesteuerten Lift erreichen konnten, der über keine Tasten für andere Stockwerke verfügte. Die Banker halfen ihren Kunden auch dabei, Geldtransfers nur in Beträgen von weniger als 10'000 Dollar abzuwickeln, um die Meldepflicht zu umgehen. «Die Credit Suisse hat jahrelang von ihrem unrühmlichen Geschäftsmodell profitiert», fasste Senator John McCain zusammen.

Die Kommission stösst sich ebenfalls an der zögerlichen Auflösung der fraglichen US-Konten, nachdem der UBS-Schwindel 2008 aufgeflogen war. Die Credit Suisse brauchte mehr als fünf Jahre für die Schliessung von 18 900 Konten und behielt 3500 Konten mit 2,6 Milliarden Dollar zurück. Das Bankgeheimnis ist trotz allen strafrechtlichen, juristischen und politischen Angriffen aus Sicht der Kommission weitgehend intakt geblieben. Ein Indiz dafür ist, dass lediglich ein Viertel der von der CS aufgelösten Konten ihren Weg zurück in die USA fanden. Die Hälfte dieser Konten verblieb offenbar auf Schweizer Banken, ohne dass die US-Behörden die Namen der Inhaber erfahren hätten.

Bei der CS «zaghaft» gehandelt

Weshalb die Credit Suisse nicht mehr zur Kasse gebeten wurde, ist gemäss der Kommission unerklärlich. Sicher sei bloss, sagt Levin, dass das US-Justizministerium zu zaghaft agiert habe. Die Erklärung eines Personalengpasses genüge angesichts der Schwere der Delikte nicht. Obwohl anzunehmen ist, dass 85 bis 95 Prozent der US-Konten bei der Credit Suisse nie deklariert wurden, brauchte die Justiz keinerlei Zwangsmittel gegen die Bank. Auch die sieben angeklagten Banker der Credit Suisse blieben unbehelligt, rügt der Bericht.

Die Kommission will heute nicht nur die Credit-Suisse-Führung befragen, sondern auch die Vertreter des Justizministeriums. Es sei sehr zu hoffen, dass der Bericht der Anfang einer erneuten und verschärften Kampagne gegen die Schweizer Banken bilde, sagt Levin. Denn auch das Fatca-Abkommen über einen automatischen Informationsaustausch sei angesichts der vielen Schlupflöcher bloss Flickwerk. Die Schweiz ist nicht das einzige Land im Visier der Kommission. Vor allem Irland steht permanent unter Druck, die Steuerflucht der US-Konzerne zu unterbinden. Trotzdem blieb die Schweiz im Zentrum: UBS und Credit Suisse verwalten mehr als die Hälfte des weltweit deponierten Vermögens von 2200 Milliarden Dollar. «Wir greifen dort an, wo das Geld ist», sagt Levin. Dies sei man den US-Bürgern schuldig. Ihnen sind durch die Steuerflucht ins Ausland bisher 303 Milliarden Dollar entzogen worden.

 

Quelle: Beitrag des Tagesanzeigers vom 26.02.2014